Jahre vergehen – Zukunft ist heute (Teil 1)

Ein Rückblick von Hans Ulrich Suckert

Niemals wieder waren die Menschen des 20. Jahrhunderts so glücklich wie in seiner ersten Stunde. Sie gingen von der optimistischen Gewissheit des stetig steigenden Fortschritts aus.

Dass es auch umgekehrt kommen könnte, Fortschritt mit Risiken verbunden ist, wollte keiner wissen. Woher auch? Die Hoffnung stirbt zuletzt!

So auch als alle 10 Minuten ein Funkspruch um die Welt ging: „Titanic läuft 26,6 Meilen, an Bord alles wohlauf!“ Das „Blaue Band“ der schnellsten Ozeanüberquerung scheint gesichert. Während das Riesenschiff mit seinen 50.000 PS die spiegelglatte See durchschneidet, feiern sie die glückhafte Fahrt: englische und amerikanische Millionäre, Vergnügungsreisende, Wissenschaftler und Weltenbummler. Sie sitzen in ihren Luxuskabinen, in den Salons, prunkvoller als die der Weltstädte auf dem Festland, man lacht, trinkt und tanzt – ist es nicht ein Höhepunkt dieses Jahrhunderts? Da erschüttert ein leiser Stoß den neuen Ozeanriesen, kaum wahrnehmbar. Schon dringen in jeder Minute 1000 Kubikmeter Wasser ein, in das angeblich unsinkbare Schiff.

Der Bordfunker sendet seinen ersten Notruf in den Äther: „Titanic durch Eisberg schwer beschädigt, erbitten dringend Hilfe, 41 Grad nördliche Breite – 50 Grad westliche Länge!“ Noch brennen die Lichter, langsam sinkt das Riesenschiff. Es nimmt zwölfhundert Passagiere mit in die Tiefe. Weltweite Erschütterung und Anteilnahme zog sich über den ganzen Erdball. Der neue Fortschritt und Technikglaube bekam seinen ersten großen Riss. Meist sind es Katastrophen oder spektakuläre Unglücksfälle, die engagierte Zeitgenossen motivieren, eine längst gegenwärtige Idee in die Tat umsetzen.

So entstand 1912 auch der eigentliche Impuls für die Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft: Am Seesteg des Ostseebades Binz auf der Insel Rügen drängen sich hunderte Ausflügler und Badegäste auf der über 800 Meter langen Seebrücke, um die auf der Reede ankommenden Kreuzer der kaiserlichen Marine und das Ablegen des Bäderdampfers „Kronprinz Wilhelm“ zu sehen.

Plötzlich stürzt der Brückenkopf in sich zusammen, reißt Männer, Frauen und Kinder in die Tiefe. Das Unglück, seine Umstände und der Verlust von Menschenleben aber auch die Tatsache, dass ein Mann allein, Richard Römer, 12 Menschen gerettet hat, während unzählige Schaulustige untätig zugeschaut haben, blieb im Bewusstsein der Öffentlichkeit.

„Schwimmen lernen, Retten lernen!“ Dieser aufrüttelnde Appell des Deutschen Schwimmverbandes von 1912 führte kurz nach dem Unglück zur Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Walter Mang (Heidelberg) und Walter Bunner (Greifswald), unterstützt vom Schwimmwart des Deutschen Schwimmverbandes, Fritz Droemer, gelang es, eine breite Öffentlichkeit sowie 48 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, der Industrie und Wirtschaft, für eine dringend benötigte Wasserrettungsorganisation zu interessieren.