Haus der Geschichte: Das Schwimmbecken als Spiegel der Gesellschaft
Am 25.12.2024 gab es einen Bericht in der Stuttgarter Zeitung zu einer Sonderausstellung im Haus der Geschichte in Stuttgart: Das Schwimmbecken als Spiegel der Zeit.
Baden und Schwimmen haben im Südwesten eine lange Tradition. Flüsse, Seen, Thermalquellen, Badehäuser sowie Frei- und Hallenbäder wurden und werden dafür genutzt. Wie frei aber gebadet oder geschwommen werden darf, unterliegt dem historischen Wandel. Auch die Vorstellung davon, was „frei schwimmen" überhaupt bedeutet und wo es zulässig ist, verändert sich.
Dass alle gleichberechtigt Zutritt zu öffentlichen Schwimmbädern haben, gilt als demokratische Errungenschaft. Schließlich badeten Arme und Reiche einst getrennt. Frauen und Männer ohnehin. In der NS-Zeit wurden Juden und „Ausländer" ausgeschlossen. Kriegsversehrte mussten schon vorher draußen bleiben. Ihr Anblick galt als unzumutbar. Genau wie der von Frauen, die nach vorherrschender Meinung nicht genug Textilien am Leib trugen.
Wer darf und dürfte unter welchen Bedingungen mitschwimmen? Und wer nicht? Diesen Fragen widmet sich die neue Sonderausstellung „Frei Schwimmen – Gemeinsam?!" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Denn im Becken spiegelt sich die Gesellschaft. Unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Lebensstilen und Vorstellungen begegnen sich dort, mal mehr, mal weniger harmonisch.
Es geht um Rassismus, Sexismus und Ausgrenzung
Die Ausstellung beleuchtet auf spannende Art und Weise, was das öffentliche Baden prägt, aber in diesem Zusammenhang nur sporadisch in der öffentlichen Wahrnehmung aufploppt. Es geht um Gleichberechtigung und Demokratie, Sexismus, Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile. Die Ausstellung mag für ein historisch-politisches Museum vielleicht ungewöhnlich sein: „Aber wie frei geschwommen werden kann, erzählt uns, wie frei die Gesellschaft insgesamt ist", gibt die Direktorin Cornelia Hecht-Zeiler zu bedenken.
In einer atmosphärischen Inszenierung hat das Kuratorenteam den Ausstellungsraum selbst in eine Schwimmhalle verwandelt. Im Eingangsbereich laden Spinde die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sie zu öffnen und Fragen zum Thema „Schwimmbad" zu beantworten. Was verbindest Du mit dem Schwimmen? Ist das Schwimmbad ein Ort für alle? Fragen wie diese werden aufgeworfen. Die Antworten dürfen die Gäste direkt auf die Spindwände schreiben.
In einer atmosphärischen Inszenierung hat das Kuratorenteam den Ausstellungsraum selbst in eine Schwimmhalle verwandelt.
Dann tauchen die Besucherinnen und Besucher ein in eine Art 35-Meter-Becken. Verschiedene Stationen, die wie Badeinseln daherkommen, informieren darüber, welche Badeorte wann für welche Gruppen entstanden sind und wer dort gemeinsam ins Wasser durfte. Im 19. Jahrhundert etwa wurden getrennte Bäder für Fürsten und Arme gebaut. Im Kaiserreich entstanden Volksbäder, die für alle zugänglich sein, sollten, allerdings lange nach Geschlechtern getrennt waren. Nach 1918 wurden Sportbäder gebaut, in denen „der neue Mensch" seinen Körper stählen sollte. Und in den 1920er Jahren öffneten die ersten Familienbäder, aus denen 1933 die jüdische Bevölkerung und andere „Unerwünschte" aber ausgeschlossen wurden.
Selbst in der Demokratie wollen und wollten nicht alle gemeinsam ins Wasser. Manche Frauen fühlen sich in Schwimmbädern nur unbehelligt von Männerblicken frei. Und Rassisten würden den Zugang zu Schwimmbädern am liebsten wieder einschränken.
Prunkvolle Jugendstilfenster und eine fürstliche Sitzwanne
Die Schau macht deutlich, was jedes Schwimmbad bis heute über seine Zeit und die Menschen verrät. Sie zeigt Bespiele spektakulärer Bäder wie das Mannheimer Herschel-Bad oder und birgt spannende Geschichten über prominente Wasserratten: Die der aus Bissingen (bei Esslingen) stammenden Trudy Enderle, die 1926 als erste Frau den Ärmelkanal durchschwamm, mit ihrem Tempo alle Männer hinter sich ließ und in den USA als „Queen of the Waves" in die Geschichte einging. Sie wurde zur Ikone der Gleichberechtigung für Frauen im Schwimmsport. Oder die Geschichte von Carlo Pedersoli, der 1951 bei einem der ersten internationalen Schwimmwettkämpfe auf deutschem Boden in Schwäbisch Gmünd über 100 Meter Freistil siegte – und später als prügelnder Schauspieler Bud Spencer weltberühmt wurde. 2011 benannte die Stadt das Gmünder Freibad nach ihm.
Die Schau zeigt Fotos, Gemälde und Modelle sowie mehr als 200 Objekte, darunter ein prunkvolles Jugendstilfenster und eine Sitzwanne aus dem mondänen Fürstenbad in Bad Wildbad. Auch eine Tür, die sich für Männer niemals öffnet, ist zu sehen; nämlich die zum letzten Damenbad Deutschlands, dem Freiburger Lorettobad. Einen Eindruck von der Atmosphäre, die im Damenbad herrscht, vermitteln Gemälde der Freiburger Malerin Almut Quaas, entstanden zwischen 2005 und 2021.
Inzwischen werden Freiheit und Freizügigkeit in öffentlichen Bädern wieder heiß diskutiert. Benötigen Frauen und Mädchen, queere und körperlich behinderte Menschen einen „geschützten" Raum? Nützt oder schadet es dem Feminismus, wenn auch Frauen oben ohne baden dürfen? Und ist die Akzeptanz der maximalen Verhülle in Form von Burkinis rückständig oder fortschrittlich? Eindeutige Antworten liefert die Schau nicht – jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.
Doch soviel steht fest: Jahrzehnte nachdem Frauen nur in langen Kleidern in blickdichten Verschlägen ins Wasser durften, wird noch immer darüber gestritten, wie viel Stoff sie im Schwimmbad tragen dürfen oder müssen – nämlich nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. So durfte die Konstanzer Muslima Filiz Acar-Chebli 2013 in ihrem Burkini nicht ins Hallenbad. Und die Gemeinderätin Bärbel Altendorf-Jehle scheiterte 2023 mit der Forderung, dass Frauen in Freudenstadt genauso wie Männer oben ohne schwimmen dürfen. Die Gesellschaft sei noch nicht so weit, lautete die Begründung des Gemeinderats.
Die Ausstellung und das Begleitprogramm
„Frei Schwimmen –Gemeinsam?!" ist bis zum 14. September 2025 im Stuttgarter Haus der Geschichte zu sehen. Das Begleitprogramm startet am 16. Januar, 19 Uhr, mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Spannungsfeld Stoff: Wie darf frau baden?" Und am 30. Januar, 19 Uhr, veranstaltet das Haus der Geschichte einen Slam-Improvisationsabend unter dem Motto „Wenn Fakten baden gehen".

